Malerei als Auslotung gesteigerter Farbwahrnehmung                           Elmar Zorn

 

 

Willi Bucher umspannt mit seinem Werk die gesamte Bandbreite möglicher Gattungen der Bildenden Kunst: Zeichnung, Malerei, Videofilm, Installation, Skulptur. Jeder dieser Träger seiner künstlerischen Gestaltungs- und Experimentierfreudigkeit trifft dabei durch die Durchschlagskraft der Formung, durch die überzeugende Dichte der Farbsetzungen und die sinnliche Intelligenz der Abfolgen bei den gefilmten Sequenzen voll die Brisanz und die Qualität des aktuellen Kunst- geschehens – nicht nur in Deutschland – und kann sich in jedem der entfalteten Sektoren seines Schaffens mit dem Diskussionsstand und der Werktiefe jeweilig vergleichbarer Arbeiten der Kolleginnen und Kollegen messen.

Wenn wir Willi Buchers Malerei betrachten, so fällt gleich auf, dass etwa ein großformatiges, quadratisches Ölgemälde auf Leinwand solche Rotvarianten in Horizontalstreifen von dunkel zu hellrot präsentiert ( vgl. S.15 ), durchbrochen von kurzen Vertikallinien in einer Intensität, dass der Betrachter glaubt, zum ersten Mal Rot authentisch wahrzunehmen. Solche Intensität wurde zuletzt bei den Farbmanifesten von Yves Klein und Mark Rothko gesehen. Wir verstehen nun, dass das Wissen um die traditionsreiche Kunst der Setzung heftiger Primärfarben nicht verloren gegangen ist, sondern die auf die Malerei von den Klein und Rothko folgenden Generationen es eher nicht wagten hier anzutreten.

Bucher steigert seine Rotwahrnehmungsbilder durch raffiniert subtile Binnenabstufungen und zusätzlich vertikal dunkelrot kontrastierende Lineaturen ( vgl. S.17 ). Andere Kunstgriffe der Intensivierung von Farbwirkungen finden wir in seiner Komposition schmaler roter Vertikal- und Horizontalstreifen am äußersten Rand der monochrom tiefdunkelblauen Hauptflächen ( vgl. S.19 u. S.21 ).

Wenn er kleinformatig quadratische Kartons durchdekliniert zu Farbbegegnungen in gelb, grün, rot und braun, so wird seine ausgesprochen experimentelle Absicht deutlich, das Farbensystem zu durchforsten und formulierend auszuloten.

Eine besondere Rolle nehmen für Bucher die Monochrom-Streifen in gelb, sandfarben und ocker ein, auf durch Holzfaser geraute Leinwand ( vgl. S.27 ). Außer solcher Verfremdung der Malfläche sind bei dem Gelb-Zyklus durchgehend malereifremde Elemente zugesetzt: aus dem Bild herausra- gende Nadel-Linien als reliefartige, skulpturale Interventionen, sowie sich integrierende gedruckte parallele Linienbänder ( vgl. S.27-34 ). Insofern begleiten wir des Künstlers Reise als einem Pionier durch die Welt der Gelbfarbe, weniger als hübsch-dekorativen Spaziergang im Vollzug des Farben-genusses, sondern mehr verfolgen wir seine heftigen Vorführungen von Farbmanifesten und „Farbthesen“, wie der Untertitel dieses Kapitels es bezeichnet.

 

Die Doppelstrategie, einerseits auf der konzeptuellen Ebene der Malerei neue Aspekte des Systems zu testen ( und auch zu setzen ) und gleichzeitig auf der handwerklich-sinnlichen Ebene die Ergebnisse seiner Recherche erstrahlen zu lassen, führt exemplarisch in Willi Buchers Werkgruppe „Sprachlandschaften“ zu merkwürdigen Zwitter-Gemälden zwischen konkreter Poesie und Grenzgängen figurativer mit nicht figurativer Malerei. Wie der Begriff „Sprachlandschaften“ andeutet, kommen innere abstrakte, rationale Strukturen und Zeichen mit intuitiven Anschauungen

( „Landschaft“ ), von außen, zusammen und bilden so eine neue Einheit. In „Zivilisationsrest“

( vgl. S. 37 ) verzahnen sich Vordergrund und Hintergrund zu einer Bühnensituation mit transparentem hellen Vorhang, gefalzt durch vertikal angeordnete winzige rote Buchstaben des Bildtitel-Wortes, und mit einem offensichtlich dahinter liegenden Block der Anmutung eines Berg-rückens ( vgl. S.39 ).

Im ebenfalls großformatigen, blau gehaltenen Werk „feindlichestille“ ( vgl. S.41 ) sind die Buchstaben wie ein Interface aus Schlieren gesetzt, hinter dem geisterhafte Figurationsansätze in die Bildtiefe abtauchen. Dieses Prinzip ist in „hinundwiedermussmansichverweigern“ in fahlem Blau und Gelb variiert und abstrahierend minimalisiert, ähnlich wie „seelenfischenstille“, „graue- seele“ und – am radikalsten - „zeitderzungen“ ( vgl. S. 43-46 ), wo allenfalls die Erinnerung an Landschaft eine Zweiteilung durch einen Horizont hergeben könnte.

Das Guckkastenbühnenhafte der in die Buchstabenraster eingezwängten Farben- und Rumpfland-schaften verweist auf die ähnlich mathematisch-geometrischen Strukturen bei aller organisch-farblicher Freiheit, wie sich in den Glasbaustein-Installationen von Willi Bucher ausgespielt werden.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass Willi Bucher mit großer Bescheidenheit seines künstleri- schen Auftritts und verblüffender Überlegenheit seiner Mittel und Gestaltungen einen Querschnitt durch die aktuelle Kunstszene gezogen hat, zuweilen kritisch gestimmt, zuweilen Konsens stiftend. Der allen Kolleginnen und Kollegen höchst offene Künstler ist dennoch Einzelgänger im Kunstbetrieb geblieben. Der Grund hierfür liegt auf der Hand: Buchers spöttisch vorgetragene, beharrliche Weigerung Kompromisse in der Kunst einzugehen oder sich korrumpieren zu lassen, um irgendwelche Würden oder Ratings zu erlangen, grenzt ab und es grenzt aus – auf beiden Seiten. Bucher spielt in dem Kunst-und Lifestyle-Spiel noch nicht einmal als Professor mit, was heutzutage ja leicht zu erreichen gewesen wäre. Und er steckt sie doch alle in die Tasche, mit seiner analytischen Intelligenz und seiner sinnlichen Kreativität und Fantasie. Auch wenn er es nicht gern hört: Darmstadt ist um eine unbestechliche Kunstinstanz reicher geworden durch sein Wirken.

 

 

 

( Der Verfasser war lange Jahre leitend in Kunstinstituten von München, Wien, Ulm und Neapel

   tätig. Er lebt und arbeitet heute freiberuflich als Ausstellungsmacher, Publizist und Universitäts-

   dozent in München und Wien )